Thermoplaste – die nächste Evolutionsstufe der FKV-Technik

Ther­mo­plas­te – die näch­ste Evo­lu­tion­sstufe der FKV-Tech­nik

Warum ther­mo­plas­tis­che Ma­trixsys­teme Duro­plas­te zunehmend ablösen

•Lesezeit: 6 min•Werkstoffe
Tobias Donhauser
Tobias Donhauser
CEO at fiberior

In der Welt der Faser-Kunststoff-Verbunde (FKV) zeichnet sich ein klarer Paradigmenwechsel ab: Thermoplaste drängen zunehmend als Matrixsysteme für die Herstellung von Faserverbunden in Anwendungen, die früher fest in der Hand von Duroplasten waren. Doch was macht thermoplastische Matrices so attraktiv – und warum gelten sie als die nächste Evolutionsstufe?

Der grundlegende Unterschied zwischen Thermoplasten und Duroplasten liegt in ihrem molekularen Aufbau und Verhalten bei Wärmeeinwirkung: Während Duroplaste durch eine irreversible Vernetzung ihrer Molekülketten charakterisiert werden und nach der Aushärtung nicht mehr verformbar sind, können Thermoplaste durch Erwärmen wiederholt erweicht und umgeformt werden. Diese Eigenschaft macht sie nicht nur recyclingfähig, sondern eröffnet auch völlig neue Möglichkeiten in der Verarbeitung und Reparatur von FKV-Bauteilen.

Der Aufstieg der Thermoplaste

Traditionell dominierten Duroplaste wie Epoxid- oder Polyesterharze die FKV-Welt – insbesondere in der Luft- und Raumfahrt. Doch mittlerweile gewinnen Thermoplaste stetig Marktanteile. Laut Carbon Composites e.V. liegt das Wachstum bei ca. 5 % jährlich [1]. Grund dafür sind klare technologische und ökologische Vorteile.

Vorteile thermoplastischer Matrixsysteme

1. Kosteneffizienz

Thermoplaste sind in der Regel deutlich günstiger als Duroplaste. Während ein Kilogramm PA6 (Polyamid 6) je nach Einkaufsmenge etwa 4 € kostet, liegt der Preis für ein Epoxidharz-Härter-Gemisch bei etwa 9 € pro Kilogramm. Diese Kostenvorteile summieren sich besonders bei Großserienfertigung.

2. Großserientauglichkeit

Im Gegensatz zu Duroplasten müssen Thermoplaste nicht erst lange ausgehärtet werden. Nach dem Aufschmelzen und Umformen können sie direkt abgekühlt und damit erstarrt werden. Dies ermöglicht kürzere Zykluszeiten von weniger als einer Minute pro Bauteil – ein entscheidender Vorteil für die Massenproduktion.

3. Recyclingfähigkeit

Thermoplaste lassen sich wiederholt aufschmelzen und neu formen – ideal für Kreislaufwirtschaft und Nachhaltigkeitsstrategien. Studien zeigen, dass viele Thermoplaste bis zu 7-mal recycelt werden können, ohne signifikante Eigenschaftsverluste zu erfahren. [2]

4. Schweißbarkeit und Umformbarkeit

Durch ihre Schmelzbarkeit sind thermoplastische Laminate ideal für verschiedene Fügeverfahren geeignet. Induktions-, Ultraschall- oder Laserschweißen ermöglichen Verbindungszeiten von weniger als 10 Sekunden. Die Umformbarkeit erlaubt zudem komplexe Geometrien mit Wanddicken von 0,5-5mm. [3]

5. Unbegrenzte Lagerfähigkeit

Keine begrenzte Topfzeit, keine Kühlketten. Thermoplaste sind im festen Zustand dauerhaft lagerbar und behalten ihre Eigenschaften über Jahre hinweg.

6. Nachträgliche Umformbarkeit

Durch lokale Erwärmung lassen sich Bauteile nachträglich anpassen oder reparieren – ein enormer Vorteil gegenüber Duroplasten. Die Umformtemperaturen liegen je nach Material zwischen 150°C und 400°C.

7. Hohe Schlagzähigkeit

Thermoplaste bieten hohe Sicherheit bei Crashbelastungen – ideal für Fahrzeug- und Sportanwendungen. Die Bruchdehnung kann bei einigen Thermoplasten über 50 % liegen, während Duroplaste meist bei unter 5 % versagen. [4]

8. Erweiterte Konstruktionsmöglichkeiten

Durch die Möglichkeit der lokalen Erwärmung und Umformung eröffnen Thermoplaste neue Gestaltungsspielräume in der Konstruktion. Komplexe Geometrien, integrierte Funktionselemente und lokale Verstärkungen lassen sich effizient realisieren. Besonders vorteilhaft ist die Möglichkeit des Umspritzens von FKV-Bauteilen mit thermoplastischen Kunststoffen. Dies ermöglicht die Integration von Befestigungselementen, Dichtungen oder elektrischen Kontakten direkt im Fertigungsprozess. Die Integralbauweise wird durch die Schweißbarkeit thermoplastischer Bauteile begünstigt – komplexe Strukturen können aus wenigen Einzelteilen zusammengefügt werden, was Gewicht spart und die Fertigungskosten reduziert. Zudem lassen sich durch lokale Erwärmung gezielt Verstärkungen einbringen oder Funktionselemente integrieren.

9. Hohe Temperaturbeständigkeit und Flammenbeständigkeit

Spezielle Hochleistungsthermoplaste wie PEEK (Polyetheretherketon) bieten kontinuierliche Einsatztemperaturen bis 250°C und Spitzentemperaturen bis 300°C. PPS (Polyphenylensulfid) ist zudem von Natur aus flammhemmend und erreicht die UL94 V-0 Klassifizierung ohne Zusatzstoffe.

Die Herausforderungen

Thermoplastische Faser-Kunststoff-Verbunde stellen besondere verarbeitungstechnische Anforderungen, weshalb sie im Vergleich zu Duroplasten bisher weniger verbreitet sind. Eine zentrale Herausforderung der Herstellung thermoplastischer Verbundwerkstoffe ist die hohe Viskosität des Thermoplasts im Schmelzzustand. Während Duroplaste wie Epoxidharz mit etwa 0,7 Pas eine relativ niedrige Viskosität aufweisen, liegt die Viskosität von Thermoplasten wie Polypropylen bei etwa 140 Pas – also etwa 100-200x höher [4]. Diese hohe Viskosität erschwert die Tränkung der Fasern und erfordert spezielle Verarbeitungstechniken. Es existieren verschiedene Lösungsansätze, um diese Herausforderung zu meistern:

VerfahrenBeschreibungVorteileNachteile
Commingled YarnFasern und Thermoplast liegen in Faserform vor und werden zu einem Garn versponnen, der dann im Prozess verarbeitet werden kann.gute Faser-Matrix-Verteilungkostenintensives, spezielles Halbzeug
Film-StackingThermoplastische Folien werden mit trockenen Faserhalbzeugen abwechselnd gestapelt und anschließend durch Druck unter Temperatur konsolidiert.kann als Pressprozess oder z. B. mit einer Intervallheizpresse ausgeführt werdenkomplex bei rotationssymmetrischen Bauteilen, Folien sind teuer in der Herstellung (Zusatzkosten)
UD-TapesVorkonsolidiertes, unidirektionales Bandhalbzeug aus Fasern die mit thermoplastischem Kunststoff imprägniert sind.sehr gute Faser-Matrix-Verteilung, gute mechanische Eigenschaften, auf verschiedenen Maschinen verarbeitbar, Faser-Matrix-Kombination frei einstellbarerfordert spezielle Anlagen zur Herstellung, Qualität der Halbzeuge ist entscheidend
Direktpolymerisation (ε\varepsilon-Caprolactam)Polymerisation von ε\varepsilon-Caprolactam direkt in der Faserstruktur unter Vakuum und Temperatur.sehr gute Faser-Matrix-Verteilung, hohe mechanische Eigenschaften, keine Viskositätsproblemehohe Anforderungen an Prozesskontrolle, begrenzte Materialauswahl (hauptsächlich PA6), Bauteilhersteller muss Chemie machen

Unter den verschiedenen Verfahren zur Imprägnierung von Fasern mit Thermoplasten haben sich UD-Tapes als besonders vielversprechend erwiesen. Sie bieten einen ausgewogenen Kompromiss zwischen exzellenten mechanischen Eigenschaften und einem vergleichsweise geringen Verarbeitungsaufwand. UD-Tapes ermöglichen eine präzise Faserorientierung sowie eine optimale Verteilung der Fasern in der Matrix, was zu hervorragenden Materialeigenschaften führt. Darüber hinaus zeichnen sie sich durch kurze Verarbeitungszeiten und eine hohe Reproduzierbarkeit der Bauteileigenschaften aus. Nicht zuletzt hat sich rund um diese Technologie ein wachsender Markt entwickelt, in dem zahlreiche Maschinenhersteller entsprechende Lösungen anbieten.

Fazit

Thermoplastische Verbundwerkstoffe haben sich längst als industrietaugliche Lösung etabliert – insbesondere durch den Einsatz von UD-Tapes. Diese vorkonsolidierten Halbzeuge ermöglichen kurze Taktzeiten, hohe Reproduzierbarkeit und exzellente mechanische Eigenschaften bei gleichzeitig hoher Designfreiheit. Dank ausgereifter Fertigungsprozesse und einer stetig wachsenden Maschinenbasis sind UD-Tape-basierte Bauteile heute bereits in zahlreichen Serienanwendungen im Einsatz – von der Automobilindustrie bis zur Luftfahrt. In Kombination mit den ökologischen Vorteilen und der vollen Recyclingfähigkeit von Thermoplasten markieren sie den nächsten logischen Schritt in der Evolution der FKV-Technologie.

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